Ahnungslos im Super Mario Land?

Keine Ahnung von Videospielen? Alles Kinderkram für Grobgeister? Lieber mit einem Glas Wein und Tolstoi in die Badewanne? Sicher. Der schlechte Ruf des Genres aber ist so verdient wie eine gekaufte Doktorarbeit. Dennoch lungern Videospiele trotz ihrer unterhaltungskulturellen Relevanz und ihrer thematischen Bandbreite Image-technisch in etwa auf der Stufe von SM-Clubs, zumindest für Genre-Fremde: kennt man nur vom Hörensagen, da gibt‘s ja eh meist den Arsch voll, aber da gab es mal jemand, dessen Bruder hat so was gemacht. Der hatte aber auch nie eine Freundin, der Bruder.

The Nutty Professor, Paramount Pictures, 1963

Alles nur ahnungslose Vorurteile, wir Gamer wissen es besser: Die hier aufgeführten Titel veranschaulichen, dass in Videospielen weit mehr steckt, als die virtuelle Welt mit der Doppelläufigen zu schminken oder mit Bielefeld zum x-ten Mal die Champions League zu gewinnen. Die folgenden Titel sind genau der richtige Einstieg für Neugierige …         

Alle sind sie grandiose Vertreter ihres jeweiligen Genres, gehören zu den besten Spielen ihrer Zeit. Technische Bandbreite und Originalität kommen dabei vor Hochglanz-Grafik und Badass-Bambule. Und nicht zuletzt: Zugänglichkeit! Zwar bieten auch Spiele wie Minecraft oder Gran Turismo 5 einen Einstieg, doch der ist ungleich zeitintensiver.

Nicht so bei:

And yet it moves (Broken Rules, MP)

AYIM, Broken Rules, 2009

And yet it moves – oder kurz AYIM – zeigt, wie wenig man braucht, um ein originelles, kurzweiliges 2D-Jump’n’Run zu entwickeln. Der Titel ist dank der einfachen Steuerung ein guter Einstieg ins Subgenre. Spieler kennen die Devise: Hüpfen und laufen, die Metapher aufs glückliche Leben. Anders als die Super Mario-Reihe oder moderne Genre-Mixes wie Trine setzt AYIM aber auf die Simplifizierung. Keine Hilfsmittel, kein Extraleben, kein Prinz, keine Prinzessin. Nicht mal wirklich Gegner gibt es. Dafür wird räumlich alles auf den Kopf gestellt, auf das man sich verlassen möchte. Denn mit Rumlatschen und Hüpfen allein kommt man nicht durch die Level. Also dreht man die komplette Spielwelt per Knopfdruck um die eigene Achse. Aus einer aufragenden Steilwand wird so ein neuer Weg – und aus dem Weg, der eben noch hinter einem lag, wurde eine Steilwand. Klar soweit? Mehr ist auch nicht. Aber das Prinzip, die schlicht-atmosphärische Musikuntermalung und die fantastische Papierschnipsel-Optik, die später im Spiel auch von Kandinsky stammen könnte, reichen für einige Stunden kniffliges Jump’n’Run’n’Turn’. Oder auch Kreisch’n’Cry. Das Verfahren führt dem Spieler vor Augen, wie statisch das eigene Denken sein kann. Merkt man während der ersten Stunde immer wieder, wie schwer das Verlassen der gewohnten räumlichen Denkweise fällt, wird im weiteren Verlauf deutlich, dass Begriffe wie Oben und Unten relativ – und damit abhängig von Perspektive und Bezugspunkt sind. Wie vieles im Leben.

http://www.andyetitmoves.net / Gameplay-Trailer / Gameplay

Red Dead Redemption (Rockstar San Diego, MP)

Red Dead Redemption, Rockstar Games San Diego, 2010

Filmisch ist die Dekonstruktion des Mythos vom Helden, der aus dem wilden einen zivilisierten Westen macht, ein alter Hut. Im Video- bzw. Computerspiel aber findet der mythische Kern des Western-Genres seine zeitgemäße Bühne.
Genauer: … des Anti-Westerns! Red Dead Redemption weiß mit einem genretypischen Plot zu überzeugen, der weder die tumbe Simplizität vieler Spielegeschichten zeigt, noch die bemühte Überkomplexität, mit der moderne Autoren oft versuchen, der Simplizität vorzubeugen. Der Titel, bei dessen Veröffentlichung 2010 die Fachpresse vor lauter Superlativen nicht mehr wusste, wo beim Colt vorne ist, verschlägt einem mehr als einmal während der gefühlten 100 Stunden Spielzeit die Sprache. Und ist dabei nicht einen Moment langweilig. Vielleicht auch, weil Spieler selbst Tempo und Ausrichtung der Handlung bestimmen. Als abgeklärter Ex-Desperado gilt es, einen ehemaligen Outlaw-Kollegen dingfest zu machen. Ob mit oder ohne Blei im Gebälk, das muss man schon selbst entscheiden. Wie vieles in Red Dead Redemption, denn es gibt neben der Hauptgeschichte zahlreiche kleinere Nebenmissionen zu erledigen.

Einem entflohenen Sträfling nachjagen und dabei zu den Klängen einer dramatischen Westerngitarre bei sengender Sonne durch eine staubige Sergio Leone-Prärielandschaft hetzen? Kann man machen. Bei einer Partie Poker im Kreis zwielichtiger Gesellen heimlich ein Ass aus dem Ärmel ziehen und riskieren, dass bei Entdeckung ein Pistolenduell ansteht? Geht auch. Vielleicht lieber auf einen mehrtägigen Jagdausflug in schneebedeckte Bergregionen gehen, für den man sich zuvor im nahegelegenen Örtchen mit Munition und Verpflegung für sich und seinen Klepper eindeckt? Viel Glück. Aber wenn der Puma zweimal faucht, besser schnell absteigen und ihn vom Pferd weglocken. Sollte der Gaul nämlich als Raubtierfutter enden, geht es per pedes zurück in die Zivilisation. Da kann man dann gleich einem Pferdezüchter in Not zur Seite stehen oder besser eine Bank ausrauben. Muss ja auch von was leben, der einsame Cowboy. Nur die Marshalls, die man dafür später an den Hacken hat, sind hartnäckig wie Tapetenschimmel. Also doch eine ehrliche Haut bleiben?

Red Dead Redemption ist ein Geniestreich der Balance seiner Elemente, ein packender interaktiver Antiwestern, ein Musterbeispiel für einen hervorragenden Soundtrack und ein riesiges Areal – mit weitläufigen Landschaften, Siedlungen, Flussläufen, Berggipfeln, einer vitalen Flora und Fauna und vielen schönen Geschichten, erzählt von diversen Figuren, die einem so begegnen, während man versucht, beim langsamen Ritt in den Sonnenuntergang möglichst lässig auszusehen.

Trailer / Soundtrack

Portal (Valve, MP)

Portal, Valve, 2007

Portal ist für Computer- und Videospiele, was intelligente Blockbuster für das Kino sind: Selten, aber es werden mehr. Denn der Geniestreich einer gelungenen Gratwanderung zwischen Massentauglichkeit und Anspruch, zwischen pfiffigem Minimalismus und dick Glitzereffekten auf die Stulle, ist wie Trüffel suchen. Und finden. Wirklich selten und so gut, dass sich einmal (fast) alle einig sind. Das ist wie 7 Nation Army von den White Stripes. Oder Pirates of the Caribbean 1 mit Johnny Depp. Werke, die man eigentlich nur doof finden kann, wenn man sie per se doof finden will oder gerade auf seinem aus lettischer Eiche gezimmerten Fixie auf dem Weg zum Potsdamer Autorenfilmer-Festival ist. Portal hat einen solch raffinierten Charme, dass sich weder Guillaume, der 62jährige emeritierte Dozent für Dichtung der Spätromantik und einer Vorliebe für Chateau Clinet 2009, noch Edelbert von Südkurven, der die Aufstellung von Westfalia Schalke auf Currywurst rülpsen kann, entziehen können.

Ein Shooter, in dem man nicht einen einzigen Schuss auf seine Gegner abfeuert? Und das wird dann ein erfolgreicher Titel, der auch über die Gaming-Welt hinaus popkulturellen Einfluss hat? Cause the cake is a lie. Hätte 2005 jemand ein solches Vorhaben zu Protokoll gegeben, die versammelte Gamer-Gemeinschaft hätte vor lauter Lachen gar nicht gewusst, wo sie mit dem Verarschen anfängt. Ist ja auch eigentlich kein wirklicher Shooter, denn abgefeuert werden keine Projektile, sondern Portale. Immer nur zwei gleichzeitig. Geht man in das eine hinein, kommt man aus dem anderen hinaus. Ganz einfach. Man möchte in den ersten Stock? Einfach ein Portal oben ans Treppenende gepflanzt, das andere direkt vor einem an die Wand. Durchgehen, oben sein.

Im Spiel gibt es natürlich andere Gegner als Treppensteigen nach dem Abendessen – aber die Geschichte, deren fiktiver Schauplatz sich narrativ mit dem eines anderen erfolgreichen Titels überschneidet, komplett auszuführen, wäre zu viel des Guten. Muss auch nicht sein, einfach den Trailer anschauen. Der erklärt auch gleich noch mal das mit dem Treppensteigen.

http://orange.half-life2.com/portal.html / Trailer

Deponia (Daedalic, PC und Mac)

Deponia, Daedalic, 2012

Daedalic Entertainment, gegründet 2007, haben den Keller voll Auszeichnungen. Die seit 2008 veröffentlichten Titel der Hamburger Entwickler haben beinahe immer ein Abo auf den hektischen Freudentaumel der Fachpresse – zu Recht: Von der Reihe um Edna und ihren Stoffhasen Harvey (Edan bricht aus, Harveys neue Augen) über The Whispered World, das stilistisch ein wenig an Hayao Miyazakis Das wandelnde Schloss erinnert, bis zum genialen Deponia, dessen schnittiger Humor in der Tradition von Douglas Adams oder Terry Pratchett steht – die Point and Click-Adventures von Daedalic sind Musterbeispiele für originelle, gut strukturierte Adventures, bei denen der Schwerpunkt auf Story und Figuren in der Natur der Sache liegt.

Point and Click-Spiele gehören zur Ursuppe aller Video- und Computerspiele. Als direkte Nachfahren von Text-Adventures sind sie eine der ältesten Formen von Computerspielen. Der Spieler bewegt sich dabei nicht in einer dreidimensionalen, virtuellen Umgebung, sondern in kleinen Arealen, die häufig zweidimensional dargestellt werden. Die Figur, oder was sonst als Stellvertreter des Spielers in der Spielwelt dient, wird nicht direkt gesteuert; per Mauszeiger klickt man Objekte oder Befehle aus einer Liste an – und gibt der Figur so Anweisungen zu Verrichtung von Tätigkeiten  oder Aussagen innerhalb von Dialogen. Zu den ältesten Genrevertretern gehören die Meilensteine Maniac Mansion und The Secret of Monkey Island.

In Deponia, einem vollständig von Müll bedeckten Planeten, träumt Chaotenkasper Rufus davon, nach Elysium zu fliehen und dort ein besseres, müllfreies Leben zu führen. Bei seinen clownesken Versuchen, sich in die sagenumwobene Wolkenstadt zu katapultieren, trifft er auf eine wehrhafte Elysianerin, finstere Gesellen mit finsteren Absichten , eine wirklich schlecht gelaunte Exfreundin und allerlei anderes absurdes Durcheinander, aus dem er ein noch größeres Durcheinander macht. Die Komik, die oft auch an Matt Groening erinnert, ist nicht für jeden Geschmack und wer sich an platter Satire und jeder Menge Witzen á la Pratchett stört, schaut sich zum Thema Point and click besser die The Walking Dead-Reihe von Telltale Games an, in der es auch mal beherzt ans Hackebeil oder den gesitteten Horror geht. Deponia aber, im Gegensatz zu vielen anderen Daedalic-Spielen ohne nennenswerte Auszeichnung in 2012, ist ein fantastisch beklopptes Abenteuer. Zu den hin und wieder etwas lahmarschigen aber dennoch witzigen Dialogen kommen verrückte Figuren in der Tradition von Monkey Island. Rufus‘ Abenteuer auf Deponia, die der Auftakt zu einer Trilogie sind, gehören zu den unterhaltsamsten Titeln der vergangenen Jahre.

http://www.deponia.de / http://www.daedalic.de / Trailer

Anmerkung: In diesem Artikel können immer mal wieder Titel hinzugefügt bzw. ersetzt werden.

Bildrechte:
The Nutty Professor: Paramount Pictures, 1963
And Yet It Moves: Broken Rules, 2009
Red Dead Redemption: Rockstar Games San Diego, Rockstar Games, 2010
Portal: Valve Software, Electronic Arts, 2007
Deponia: Daedalic Entertainment, 2012
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